Vor wenigen Monaten ist in der Familie meines Vaters die Idee aufgekommen, einen Familienstammbaum zu erstellen. Anlass war ein Cousinentreff. Mein Vater ist heute 75, die meisten seiner Cousins und Cousinen sind in einem ähnlichen Alter. Seine Mutter, also meine Grossmutter, hatte sieben Geschwister. Jedes davon hatte mehrere Kinder, viele dieser Kinder wieder Kinder, und etliche davon inzwischen Enkel. Schon beim Überschlagen war klar: Wenn dieser Baum vollständig werden soll, sprechen wir nicht von dreissig Personen, sondern von mehreren hundert.

Vorab fair: Ich bin der Macher von Unser Stammbaum und schreibe hier ausdrücklich aus meiner eigenen Familiengeschichte. Wer einen abstrakten Funktionsvergleich sucht, findet den im anderen Blogbeitrag. Hier geht es um den Weg von einem Cousinentreff zur App.

Der erste Plan: Fragebögen und Ages!

Da viele Cousins und Cousinen technisch nicht besonders versiert sind, war von Anfang an klar, dass die Daten nicht zentral abgefragt, sondern dezentral erhoben werden mussten. Der erste Plan war ein klassischer: einen Fragebogen entwerfen, ausdrucken, in der Familie verteilen, ausgefüllt zurücknehmen, alles zu Hause in eine Stammbaum-Software übertragen. Mein Vater hatte dafür Ages! gewählt, das damals einen guten Ruf hatte und bezahlbar war.

Beim Durchdenken kamen schnell zwei Schwächen ans Licht. Erstens: Wer mehrere hundert Personen mit Geburts- und Sterbedaten, Heiratsdaten, Wohnorten und Beziehungen aus handgeschriebenen Bögen abtippt, sitzt Wochen daran. Zweitens, und das war noch wichtiger: Was passiert nach dem Abtippen? Der Stammbaum würde dann auf einem PC liegen. Wie sieht ihn eine Cousine, die woanders wohnt? Per Ausdruck? Per Datei zum Öffnen, wenn sie selber Ages! hätte, was niemand hatte? Per Bild zum Anschauen, ohne dass sie selbst Korrekturen einbringen kann?

Google Forms als Zwischenschritt

Mein erster Vorschlag war pragmatisch: statt eines Papier-Fragebogens ein Google-Forms-Formular nutzen. Damit fällt das Abtippen weitgehend weg, weil die Antworten automatisch in einer Tabelle landen. Auf dem Papier ein Fortschritt.

In der Praxis löst das aber nur eines der beiden Probleme. Eine Tabelle mit Spalten wie „Vorname Vater", „Geburtsjahr Vater", „Vorname Mutter" und so weiter ist für die ausfüllende Person abstrakt. Sie sieht nicht, wo ihre Eltern und Grosseltern im Baum stehen, ob sie sich vielleicht doppelt eintragen, oder ob ein anderer Verwandter denselben Zweig schon erfasst hat. Und am anderen Ende muss immer noch jemand sitzen, der die Tabelle in eine richtige Stammbaum-Software überträgt. Die Doppelarbeit ist kleiner geworden, aber sie bleibt.

Suche nach einer kollaborativen Lösung

Mir wurde klar, dass die Familie eine Lösung bräuchte, bei der Verwandte direkt selber den Baum sehen, sich darin orientieren und Daten ergänzen. Ohne Software-Installation, denn nicht jede 75-jährige Cousine hat Lust oder Befugnis, auf ihrem Familien-Tablet ein neues Programm zu installieren. Ohne eigenes Benutzerkonto, weil schon das Anlegen einer E-Mail-Adresse für viele eine Hürde ist. Ohne Zwang zu einem bestimmten Betriebssystem, weil in der Familie alles vorkommt: Windows, Mac, iPhone, Android.

Ich habe damals gesucht und fand vor allem das Übliche: Desktop-Programme wie Ahnenblatt, MacStammbaum oder Heredis, die mächtig, aber im Kern Einzelarbeitsplatz-Software sind. Ancestry und MyHeritage, die in erster Linie Recherche-Plattformen sind und bei denen die Stammbaum-Funktion sekundär wirkt. Und ein paar webbasierte Versuche wie webtrees oder Gramps Web, die kollaboratives Arbeiten zwar zulassen, aber entweder einen eigenen Server voraussetzen oder das direkte Hinzufügen aus der Baumansicht heraus nicht beherrschen.

Was ich nirgends gefunden habe, war die Kombination aus drei Dingen: einer Webanwendung, die ohne Installation auf jedem Gerät läuft, einem Mitmach-Modell ohne Konto-Pflicht für die Verwandten, und einer Bedienung, in der man im Stammbaum direkt auf eine Person klickt und mit zwei weiteren Klicks Eltern, Geschwister oder Kinder ergänzt. Genau diese drei Punkte erschienen mir aber für eine Familie wie unsere als Voraussetzung, dass das Projekt überhaupt in Gang kommt.

Daraus entstand die App

Da ich beruflich Erfahrung mit Web-Entwicklung habe, habe ich mich entschieden, die Lücke selbst zu schliessen. Drei Designentscheidungen sind direkt aus dieser Ausgangslage abgeleitet.

Erstens: Mitwirkende brauchen kein Konto. Wer den Stammbaum anlegt, hat einen Account und zahlt im Premium-Fall die Lizenz. Alle anderen tippen einen kurzen Familiencode und ihren Vornamen ein, fertig. Das hat sich in der Praxis als der wichtigste Punkt erwiesen, weil schon „Sie müssen sich erst registrieren" für viele über siebzig die Schwelle ist, an der das Projekt für sie endet.

Zweitens: Die Bedienung passiert im Baum selbst. Man sieht die Personen, die schon erfasst sind, klickt auf einen Namen, und kann an dieser Stelle Eltern, Geschwister, Partner oder Kinder anlegen. Es gibt keinen separaten Schritt, in dem zuerst eine „Familie" definiert und dann Personen zugeordnet werden müssen. Diese Umweg-Logik ist in vielen klassischen Genealogie-Programmen Standard, und sie ist genau die Hürde, an der die Tante mit dem Tablet aussteigt.

Drittens: Änderungen erscheinen sofort bei allen Mitwirkenden. Wenn am Sonntagnachmittag drei Cousinen parallel an verschiedenen Zweigen arbeiten, sehen sie wechselseitig, was passiert. Das verhindert Doppeleingaben und macht das ganze Projekt überhaupt erst koordinierbar.

Mehr als Daten: Foto, Nachruf, Chronik

Beim Aufbau unseres eigenen Baums habe ich relativ bald gemerkt, dass nackte Daten allein das Stöbern wenig spannend machen. Ein Geburts- und Sterbedatum ist eine Information, mehr nicht. Was den Baum lebendig macht, sind die kleinen Erzählungen, die ein Foto auslöst, und die grösseren Linien, die eine Familienchronik zieht. Daraus sind drei Funktionen entstanden, die heute fest zur App gehören.

Bei jeder Person lässt sich ein Bild als Profilfoto hinterlegen, vom alten Schwarz-Weiss-Porträt bis zum Schnappschuss vom letzten runden Geburtstag. Ein einzelnes Bild verändert die Wirkung eines Eintrags überraschend stark. Aus einem Datensatz wird ein Mensch.

Bei verstorbenen Personen kann zusätzlich ein Nachruf hinterlegt werden. Das ist mehr als ein Sterbedatum: ein paar Sätze über die Person, was sie ausgemacht hat, woran man sich erinnert. In den Nachruf lassen sich auch weitere Bilder einbinden, etwa eine Hochzeitsfotografie oder ein Bild aus jüngeren Jahren. Solche Texte und Bilder sind in einer normalen Genealogie-Software meist nicht vorgesehen, dabei sind sie genau das, was die nächste Generation später interessiert.

Eine Familienchronik ergänzt das auf Baum-Ebene. Sie ist ein laufender Text, in dem die grossen Linien stehen, die nicht zu einer einzelnen Person gehören. In unserem Familienbaum haben wir dort die Geschichte unseres Geschlechts eingetragen: die ersten urkundlichen Erwähnungen aus mehreren Jahrhunderten zurück, die Stamm-Linie über die Generationen, Hintergrund zur Region und zu den damaligen Lebensumständen, mögliche Herkunft des Familiennamens, Beobachtungen zum Heiratsverhalten, zur Lebenserwartung und zur Kindersterblichkeit, und schliesslich der Abschnitt über das Familienwappen und seine Geschichte. Solche Hintergründe machen aus einem reinen Personen-Verzeichnis ein lesbares Familien-Dokument, in dem man auch dann blättert, wenn man niemand Bestimmten sucht.

Vom Stammbaum zum Familienposter

Je nach Frage braucht es eine andere Darstellung: Wer waren die Vorfahren einer Person, welche Nachkommen gehören zu einem Familienzweig, oder wie hängen beide Richtungen zusammen? Deshalb lässt sich der Baum heute als Vorfahren-, Nachfahren- oder Sanduhrdiagramm und zusätzlich als Fächerdiagramm anzeigen. Fokusperson, Generationenzahl sowie Inhalt, Grösse, Farben und Abstände der Personenkarten können angepasst werden.

Die gewählte Ansicht lässt sich direkt drucken oder als ein- beziehungsweise mehrseitiges PDF speichern. Unser Ratgeber zum Stammbaumdruck erklärt die passenden Ansichts- und Ausgabeoptionen. So wird aus dem gemeinsam erfassten Online-Stammbaum bei Bedarf ein übersichtliches Dokument für das Familienfest, die Familienchronik oder als Geschenk für Verwandte.

Wenn ihr es selbst probieren wollt

In unserer Familie ist die App gut angekommen. Cousinen und Cousins meines Vaters, von denen ein Teil zuvor noch nie über ein Webformular Daten erfasst hatte, haben begonnen, ihre Zweige selbst nachzutragen. Auch die ältesten Beteiligten sind ohne grosse Anleitung zurechtgekommen.

Wer ein ähnliches Projekt vor sich hat, also eine Familie, eine Generation, die man rechtzeitig befragen möchte, und keine Lust auf einen Software-Installations-Marathon, kann unter unserstammbaum.app einen neuen Stammbaum starten. Der Eigentümer-Account ist gratis, im Free-Plan sind 20 Personen enthalten, was zum Testen reicht. Sobald klar ist, dass das Projekt grösser wird, erlaubt der Premium-Plan unbegrenzt Personen, mehrere Bäume und Speicherplatz für hochgeladene Quellen, Ereignisfotos und Dokumente. Wer bereits einen Stammbaum in einem anderen Programm führt, kann ihn per GEDCOM übernehmen. Der GEDCOM-Ratgeber zeigt den vollständigen Ablauf.

Aus einem Cousinentreff ist bei uns ein laufendes Familien-Projekt geworden. Genau dafür ist die App gedacht.